Juden in Bleckede

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Jüdischer Friedhof Bleckede 

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Bleckede

 

Selten haben wir das Glück, noch heute so genau aktenkundig die Entstehung und Erweiterung eines jüdischen Friedhofes belegen zu können wie in Bleckede. In der ,,Acta die Ausweisung eines Platzes für dasige Schutzjuden zur Beerdigung ihrer Todten betr. 1752" des Niedersächsischen Hauptstaatsarchives Hannover (Hann88 F Nr. 38) besitzen wir die Originalurkunde des Kaufes des zum Judenfriedhofes ausersehenen Platzes ,,an den weißen Bergen", der 40 Fuß breit und 40 Fuß lang ist. Die drei in dieser Urkunde genannten Schutzjuden von Bleckede werden unterschriftlich genannt: Emanuel Hertz, Salomon Mosis und Benjamin David.
lm Jahre 1802 kaufen die - nunmehr acht - Schutzjuden ein weiteres Gebiet dazu, so daß der Friedhof ,,jetzt 112 Fuß Quadrat enthält" (Urkunde im Nieders. HStA Hann. 72 Bleckede Nr. 226), und in dieser Größe ist uns der Friedhof noch heute erhalten (Abb. 2). Der Friedhof in seinem heutigen Erscheinungsbild weist beiderseits des vertieften Mittelganges Grabfelder auf (Abb. 3), von denen das linke, ältere Feld offensichtlich nur noch einen einzigen Stein in seiner ursprünglichen Position aufweist (Grab Nr. 1), alle übrigen Steine, die sicher im Zuge der Grabschändungen während des Dritten Reiches* umgeworfen worden waren, sind heute im Halbrund beiderseits eines im Zentrum stehenden Baumes gruppiert und keineswegs in der richtigen Reihenfolge, wie die Sterbedaten zeigen.** Das größere Feld deutet noch heute drei Reihen an, die jeweils ursprünglich mit zehn Gräbern belegt gewesen sein mögen; heute stehen nur noch jeweils vier, sechs (plus einem späteren) sowie fünf Gräbersteine.
Außergewöhnlich sind vier unscheinbare Flachsteine am Ende des größeren Feldes in zwei Doppelgrabeinfassungen; diese Steine sind für vier in Garlstorf gestorbene russische Zwangsarbeiter aufgestellt worden, die ganz offensichtlich keine Juden waren, aber im Dritten Reich als Ausländer ,,minderwertiger Herkunft" auf dem jüdischen Gottesacker beigesetzt worden waren.

 

Akten zum Bleckeder Friedhof:

1. Kauf: Hann. 88/38: Acta die Ausweisung eines Platzes für dasige Schutzjuden in Bleckede zur Beerdigung ihrer Todten betrf. 1752:

Januarij 1752

Königliche Groß-Brittanische zur Chur-Fürstlichen Braunschweigisch-Lüneburgischen Cammer Hochverordnete Herren Cammer-Präsident Geheimte-Räthe Geheimte Cammer auch Cammer- Räthe Hoch- und Hochwohlgeborene Insonders hochzuehrende auch gnädige und hochgebietende Herren!

Es haben die hiesige 3 Schutzjuden wiederholend und zuletzt mittelst der Anlage bey hiesigem Amte angesucht, daß ihnen zu Begrabung der Ihrigen, ein gewißer abgelegener Platz, gegen Erlegung eines jährlichen Grund-Zinses möchte angewiesen und zugestanden werden, wozu denn ein Orth am sogenannten weißen Berge, so eine Viertelstunde von Bleckede belegen, von 40 Fuß lang und 40 Fuß breit ausgefunden ist, welche besagte Schutz-]uden in Befriedigung bringen wollen, und haben sich erklähret, dafür jährlich 24 mgl zum Grundzinß in die Amts-Register zu erlegen, im Fall Ew. Excellences und Hochwohlgeborene denenselben hierunter gnädigst zu willfahren geruhen, gestalt pflichtmäßig wir dabey nichts zu erinnern finden, so wollen wir zu solcher Berechnung hochgefällige, gnädige/alß uns sind dem Förster Sembach vom Königl. und cuhrfstl. Ambte aufzutragen worden seinen Ohrt zum Juden Kirchhof in Vorschlag zu bringen.
(Fortsetzung des Textes: Seite 268)
 
____________
* Anmerkung:
Am 16. April 1943 wird eine Bekanntmachung des Amtsgerichts Bleckede vom 10. April 1943 öffentlich ausgehängt, dass beabsichtigt sei, für das Grundstück des Friedhofs
                  "Sandgrube ' Bürgerforst '  : 14 ar 14 qm
                  Kartenblatt 26, Parzelle 27 der Gemarkung Bleckede
                  Liegenschaftsbuch: Artikel 240."
ein Grundbuch anzulegen und als Eigentümer "Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" als Rechtsnachfolgerin der jüdischen Gemeinde Bleckede einzutragen. Einwendungen sollten innerhalb eines Monats geltend gemacht werden. (Stadtarchiv Bleckede, Sign. 11.3)
Die "Reichsvereingung der Juden in Deutschland" wurde im Juli 1939 verstaatlicht und im Juni 1943 aufgelöst. Zu ihren Zwangsaufgaben gehörte u.a. die Übernahme von Grundstücken und Immobilien aus jüdischem Gemeindebesitz, die nach der Auflösung der "Reichsvereinigung" an den NS-Staat fielen.
Ende 1952 ging der Besitz des Friedhofs auf die Treuhänderstelle JTC (Jewish Trust Corporation), 1959 auf den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen über.
[12. 2013] 
 
** Anmerkung:
Die heutige Anlage des Friedhofs - links vom Eingang mit dem künstlich und nachträglich nach Größe arrangierten Halbrund von Grabsteinen, rechts mit den Resten der ursprünglichen Reihung der Gräber - ist das Ergebnis der Zerstörungen nach der Reichspogromnacht 1938, der versuchten Beseitigung der Verwüstungen 1952 und der Schändungen in den 1980er Jahren.

Es war eine jüdische Überlebende des Holocaust aus Bleckede, Hedwig Stone, geb. Katzenstein, die dafür sorgte, dass der demolierte und geschändete Friedhof nach 1945 wieder in einen einigermaßen angemessenen Zustand versetzt wurde.

Hedwig Katzenstein, am 14.08.1896 in Bleckede geboren, konnte nach England fliehen, wahrscheinlich mit einem sogenannten "Dienstmädchen-Visum". Davor betrieb sie ein Wäschegeschäft in Hannover, Große Wallstr. 13 (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 1041). Am 20.10.1939 ist sie in Guildford, Surrey, südlich von London, als „Female Enemy alien – Exemption from Internment – Refugee“ unter dem Namen „Katzenstein, Hedwig Sara“ registriert. Ihre Adresse ist 27, Worplesdon Road, Guildford. Dort arbeitet sie auch als Hausmädchen bei Mrs. Kilpatrick. Die Antwort in der Rubrik, ob sie wünscht, repratriert zu werden, lautet: No. (The National Archives, HO 396/44, HO396.Kap – Kat., Image 840,   http://discovery.nationalarchives.gov.uk/details/r/C3504980#imageViewerLink , aufgerufen 23.05.2015).

Hedwig Katzenstein, verheiratete Stone, besuchte bald nach dem Krieg Bleckede und den jüdischen Friedhof. Sie beschwerte sich beim damaligen Bürgermeister Banse – sie kannten sich gut von früher - über den unmöglichen Zustand des Friedhofs. Ergebnis war 1952 die „Neuanlage“ im bis jetzt bestehenden Zustand. (Quelle: Stadtarchiv Bleckede, Auszüge zur Akte Judenfriedhof von Walter Neumann, ehem. Stadtarchivar und Stadtdirektor. Die Akte ist Teil eines Schriftwechsels von 1999 mit Klaus Friedeberger, London, zur Bleckeder Familie Katzenstein. Klaus Friedeberger (1922 Berlin - 2003 ? London), bedeutender Maler und Graphiker in Australien und England, ist ein Sohn von Ada, geb. Katzenstein (1890 Bleckede - 1939 England), einer Cousine von Hedwig und Frieda Katzenstein. Er besuchte 1926 seine Tante Rosa Katzenstein (1857 - 1932) in Bleckede. Zu seiner künstlerischen Vita:  http://www.britishmuseum.org/research/search_the_collection_database/term_details.aspx?bioId=124546, aufgerufen 23.05.2015).

Ihre Großeltern Elias und Reha (Rosalie) Katzenstein sind auf dem Bleckeder Friedhof bestattet (Grabstein Nr. >30 und >29).
Ihre  Schwester >Frieda Seligmann, geb. Katzenstein (geboren 17.06.1886 in Bleckede) kommt 1944 in Auschwitz um. Ihr Name ist auf dem Denkmal für die ermordeten Juden Bleckedes im Schlosspark verzeichnet.
[05.2015]
 
Am 18.03.2016 ist der Friedhof  erneut geschändet und verwüstet worden: 12 Grabsteine sind von 6 13- bis 15-jährigen Schülern und Schülerinnen massiv demoliert (meist ist der obere Teil abgeschlagen) oder umgestoßen worden (es handelt sich um die Grabsteine Nr. 25, 27 - 37), z.T. sind auch Grabeinfassungen beschädigt. Sie sollen soweit möglich wieder hergestellt werden. Die Polizei hat (Pressemitteilung vom 22.04.2016) einen rechtsextremistischen Hintergrund ausgeschlossen, die staatsanwaltichen Emittlungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen (Mitteilung vom 23.06.2016).
[04.2016/ 09.2016]
 
Mittlerweile sind die beschädigten Grabsteine restauriert und - wie auch alle anderen - gereinigt worden.
[07.01.2017]
 
Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, als Eigentümer, hat am Eingang zum Friedhof zusätzlich eine zweiflüglige Pforte aus Metall errichtet, gebildet u.a. aus zwei Davidsternen und zwölf Ringen als Symbol für die zwölf Völker Israels. Und als Zeichen: dies ist immer noch ein jüdischer Friedhof, der in Funktion ist!
Die staatsanwaltlichen Ermittlungen sind nach einem Jahr immer noch nicht abgeschlossen.
(siehe dazu: Landeszeitung. Für die Lüneburger Heide, Lüneburg, 15.03.2017, Seite 9 oder:
https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/501302-vandalismus-juedischer-friedhof )
[06.04.2017]
 
 

Jüdischer Friedhof in Bleckede

 
 

 

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